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Artikel aus der Sportzeitung von 1936

Erinnerungen
von der 3. Olympiade in St. Louis, U.S.A.,1904,
von Ing. Julius Lenhart, Wien, I. Sieger im Turnen, Gold-Medaille

Das Wett-Turnen erfolgte nach den Bestimmungen und Wertungen des nordamerikanischen Turner-Bundes, die gleichlautend waren mit denen der deutschen Turnerschaft. Zum Wettbewerb zugelassen war man für den Verein, welchem man mindestens 6 Monate als Mitglied angehörte [im Gegensatz zu Nationalriegen]. Da ich damals fast 1 Jahr bereits in Philadelphia beruflich tätig war, turnte ich für die Turngemeinde Philadelphia und wurde sonach als Amerikaner in den diesbezgl. Listen, Berichten und Zeitungen geführt.

Das Turnen fand am 1. und 2. Juli statt, u.zw. wurden am 1.Tag an den 3 Geräten Reck, Barren und Pferd je 2 vorgeschriebene und je 1 Kürübung geturnt.

Am 2. Tag mussten die leichtathletischen Übungen geturnt werden, bestehend aus 3 Übungsarten u.zw. wurden damals ausgelost: Kugelstoßen, Weitsprung und Wettlauf 100 Yard. Diese Auslosung, sowie die Ausschreibung der 6 Pflichtübungen an obigen 3 Geräten wurde uns 3 Monate vor dem Wetturnen bekannt gegeben.

Die Summe der Ergebnisse aus allen 6 Bewerben war maßgebend für den Rang. Die Wertungen beim Einzel-Wetturnen zählten gleichzeitig für das Mannschaftsturnen bestehend aus je 6 Mann eines Vereines.

Ich war auch Vorturner unserer Riege des Turnvereines Philadelphia und  unsere Mannschaft erzielte mit 374 Punkten den 1. Preis, New-York mit 356 Punkten den 2., Chicago mit 349 den 3.Preis etc., etc.

Die schwerste Konkurrenz hatte ich aus Europa zu fürchten u.zw. durch die deutsche Turnriege, welche unter Führung des Turners Hoffmann, Berlin, mit mehreren Schweizern in stattlicher Anzahl die besten damaligen deutschen Turner vereinte. Die meisten dieser Turner hatte ich in den Jahren vorher anlässlich meiner turnerischen Erfolge in Österreich, Deutschland und der Schweiz kennengelernt, insbesondere im Jahre 1903, als ich beim deutschen Turnfest in Nürnberg 2. Sieger wurde. (Geturnt infolge meines Aufenthaltes in Deutschland für Turnverein München).

Das Wetturnen fand bei guter, jedoch warmer Witterung statt, im Freien, und dauerte 2 volle Tage.

Die größten Aufregungen mussten wir jedoch vor der Siegerverkündigung mitmachen, da wir im Festsaal bis gegen 10 Uhr abends warten mussten bis die gesamten Berechnungsziffern fertiggestellt waren, in welcher Zwischenzeit die verschiedensten Gerüchte über die ersten Sieger im Umlauf waren.

Das sehnsüchtig erwartete Endresultat für die ersten 3 Sieger war:
1. wurde ich und erhielt die gold. Medaille und den großen silb. Pokal,
2. wurde Wilhelm Weber, Berlin, silb. Medaille
3. wurde Adolf Spindler, Esslingen, bronc. Medaille, ca. 2 Punkte weniger

An der heuer im August stattfindenden Olympiade in Berlin wird auch Österreich den turnerischen Wettbewerb beschicken und [es] üben dzt. in Wien und Vorarlberg die Mannschaften unter guter Leitung.

Es wäre wünschenswert, wenn die breite Bevölkerung von den Leistungen und der Vielfältigkeit, welche dieser turnerische Wettbewerb mit sich bringt, entsprechend unterrichtet würde, womöglich durch öffentliche Vorführungen, ähnlich wie im gesamten Ausland.

Die technischen Bestimmungen weichen bei der jetzigen Olympiade von den früheren ab und  [es] werden an Reck, Barren, Pferd breit, Pferd lang, Ringen und Freiübung je 1 vorgeschriebene und eine frei gewählte (Kür-) Übung geturnt.

Meines Erachtens nach und im Verfolge der Ergebnisse des Weltmeisterschaftsturnens in Budapest von 1934 dürften die schärfsten Konkurrenten die Schweiz, Deutschland, Tschechoslowakei, Italien, Finnland und Ungarn stellen.

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