Ing. Julius Lenhart

Österreichs bis dato einziger

Olympiasieger im Gerätturnen

stammt aus dem Turnverein Wien-Mariahilf

Zu seinen Lebzeiten wurde der Österreicher Ing. Julius Lenhart in Büchern und Statistiken als "amerikanischer" Olympiasieger geführt, die olympischen Erfolge wurden für Österreich erst nach seinem Tod anerkannt.

Tbr. Lenhart, Slonek, Schäffler und Frankenstein im Jahr 1895 mit der 1945 verschollenen Vereinsfahne

Ing. Julius Lenhart war waschechter Wiener, wurde am 27.November 1875 geboren und hatte seine österreichische Staatsbürgerschaft nie aufgegeben.

"Schon in den Jugendjahren war Julius Lenhart Mitglied des Turnverein Mariahilf. Hier erkannte man sein sportliches Talent. Er wuchs durch eifriges Training zum österreichischen Spitzenturner heran." (Zitat: Österreichisches Olympisches Comité im Museum auf seiner Homepage www.oeoc.at)

1893 legte Julius Lenhart zusammen mit den ebenfalls im Bild links abgebildeten Turnbrüdern Gustav Schäffler und Paul Frankenstein die Vorturnerprüfung ab.

Bild von li. nach re.: Tbr. Lenhart, Slonek, Schäffler und Frankenstein im Jahr 1895 mit der 1945 verschollenen Vereinsfahne

Im Alter von 29 Jahren schickte ihn sein Vater in die Welt. Zuerst nach Deutschland, wo er von 1901-1903 beim Münchener TV 1860 erfolgreich turnte,

10. Dt. Turnfest in Nürnberg 1903
2. Sieger im Sechskampf

1958_muenchen.jpg (122257 Byte)
Bild: 2. von links

10.Deutsches Turnfest 1903 in Nürnberg
Bild: 2. in der 1. Reihe sitzend von links

1903 dann nach Amerika, wo er sich umsehen und dazulernen sollte. Er landete in Philadelphia, nahm einen Job in einer Maschinenfabrik an und suchte gleich wieder einen Turnverein, um seiner Leidenschaft - dem Sport - frönen zu können. Und so kam es, dass er von 1903 bis 1906 nicht nur im dortigen Verein der deutschen Turngemeinde turnte, sondern sich auch als Vorturner betätigte.

1904 nahm er im Alter von 29 Jahren (66 kg) als Gastturner der deutschen Turngemeinde Philadelphia an den Olympischen Spielen in St. Louis teil und wurde Olympiasieger im Reckturnen. In der Mehrkampf-Mannschaftswertung (gemeinsam mit Philipp Kassel, Anton Heida, Max Hess, Ernst Reckeweg und John Grieb) gewann er mit 374,43 Punkten ebenfalls Gold und im gemischten Zwölfkampf-Einzel die Silbermedaille.

Reck Barren Pferd Weitspringen Kugelstoßen 100 Yards Wettlaufen Total Total
1. Üb. 2. Üb Kür 1. Üb. 2. Üb. Kür 1. Üb. 2. Üb. Kür Fuß Punkte Fuß Punkte Zeit Punkte  
4,80 5,00 4,80 4,63 5,00 4,77 4,50 4,50 5,00 18,0 10,00 28,5 9,30 12,00 7,50 69,80

   Lenhart bei seiner "goldenen" Reckübung 1904     Lenhart bei seiner Barrenübung 1904

      Olympiasieger Julius Lenhart   Pokal und Siegesmedaille des Olympiasiegers Julius Lenhart
Bildbearbeitung Udo Starnegg                                    

Noch 1906 kam Tbr. Lenhart nach Wien und in der Folge auch zu seinem Stammverein Turnverein Wien-Mariahilf zurück. So sind wir heute sogar im glücklichen Besitz seiner schriftlichen Erinnerungen an die Olympiade, die in der Sportzeitung vom 19.01.1936 abgedruckt wurden. 1908 kehrte Tbr. Lenhart dem Leistungssport den Rücken und ging seinem Beruf als Maschinenbauingenieur nach.

Dass er jedoch weiterhin sportlich blieb beweist folgende Matterhorn-Anekdote:

" Ich hatte damals noch keinen Bauch und war ein flotter Bursche. Lief mir da in Zermatt ein baumlanger Kerl über den Weg. Er hieß Heinrich Burgener, war der Sohn des berühmten Bergführers  Burgener und, wenn er nichts anderes zu tun hatte, ein Wilddieb. Für 100 Fränkli wollte er mich aufs Matterhorn führen. Ich schlug ein.

Ehe es losging, zeigte mir Heinrich noch den Bergfriedhof und das Matterhornmuseum und erklärte mir haargenau, wann und wo wer dort und da hinuntergefallen sei. Ich aber hab' mich geniert zu sagen, daß mir mittlerweile das Gruseln gekommen sei. So zogen wir los. Sieben Stunden bergauf, sieben Stunden bergab. Alle 10 Meter ist dieser Malefizkerl stehengeblieben und hat g'sagt: 'Da schauen S' nunter, dort ischt der X und da der Y runterpoltert!'

Was soll ich weiter erzählen. Zwei Kilo habe ich abgenommen. Die Finger hab ich mir fast erfroren und die Leut' im Tal haben uns schon aufgegeben g'habt. Aber immerhin waren wir Jahreserstbesteiger des Matterhorns.

Damals hatte ich einen kecken braunen Velourhut, der dem Bergführer-Heinrich ins Auge gestochen ist. Beim Abschied hat er gemeint, ich sollte ihm auch so einen z' Weihnachten schicken - in Größe 57, was ich dann halt auch zum Dank für die Errettung aus Bergnot in 'Weihnachtsmanns Namen' getan habe."

Karikatur aus 1952

Tbr. Julius Lenhart, der Zeit seines Lebens die österreichische aber niemals die amerikanische Staatsbürgerschaft besessen hatte, starb am 10. November 1962 in Wien.

Erst am 4. Dezember 1972 - 10 Jahre nach dem Tod von Julius Lenhart - beschloss das Österreichische Olympische Comité auf Grund der Informationen, die es vom Grazer Sporthistoriker Erich Kamper erhalten hatte, "Herrn Julius Lenhart, der im Jahre 1904 zwar als Gastturner für die amerikanische Mannschaft, jedoch als österreichischer Staatsbürger an den Olympischen Spielen teilgenommen hat, in die Annalen des Österreichischen Olympischen Comités als österreichischen Olympiasieger aufzunehmen".

Julius Lenhart 1960 mit seiner Gattin